Die Ferengi von Hürth

Am Samstag, dem 12.10.2013, wollte ich mir mit Freunden 00Schneider – im Wendekreis der Eidechse im Kino ansehen. Da einer von uns im Rollstuhl saß brachte das ein wenig Vorplanung mit, wir mussten ein barrierefreies Kino finden. Nach einem kurzen Telefonat des Rollstuhlfahrers stand fest, dass das nächstgelegene Kino in Düren nicht in Frage kam. Also schlug ich die UCI-Kinowelt in Hürth vor. Ich war dort schon oft zu Gast, es war schließlich das erste Multiplexkino Europas und es gab über die Jahre nicht wenige Filme, die mich dorthin zogen. Die Frage der Barrierefreiheit stellte sich mir jedoch auch zum ersten Mal und meine Erinnerung sagte mir, dass alle Kinosäle in Hürth ebenerdig zu erreichen waren. Zur Sicherheit und um Karten zu reservieren wollte mein Freund jedoch auch anrufen. Das tat er auch, seit Freitag genau dreimal, jedes Mal mit dem gleichen Ergebnis: niemand ging ans Telefon.

Schließlich war es Samstagabend und wir fuhren gen Kino. Erstmal lief dort alles zufriedenstellend: Parkplatz gefunden, Aufzug eine Ebene runter, zum Kinoeingang, Aufzug eine Ebene hoch, wir standen an der Kasse. Auf den Monitoren suchten wir, während wir anstanden, die Anzeige mit unserem Film. Irgendetwas in mir flüsterte: wir sind um UCI, du hast doch da mal was erlebt… Nach kurzer Zeit waren wir dann an der Reihe. Ich bestellte drei Karten für 00Schneider und meine Befürchtung bewahrheitete sich: der Film wurde aus dem Programm genommen. Dies erlebte ich hier zum wiederholten Male und daher fragte ich nach, wie das denn sein kann, da es am Nachmittag doch noch auf der Internetseite angegeben war. Mir wurde entgegnet, dass es zu wenig Interesse an diesem Film gab und stattdessen ein anderer Film in dem Kino gezeigt würde, der in einem weiteren Saal bereits ausverkauft war. Es war die gleiche Leier wie damals, als ich „Wächter des Tages“ sehen wollte, welcher für „Rattatouille“ aus dem Programm genommen wurde. Diesmal wollte ich es jedoch nicht stillschweigend hinnehmen und verlangte eine Kompensation. Ich machte klar, dass wir knapp 30 km Anreiseweg hatten und keine Karte für irgendeinen anderen Film für uns in Frage käme. Aber da war natürlich nichts zu machen. Sauer zogen wir von dannen. Aufzug runter, zum Parkdeck, Aufzug hoch und auf Nimmerwiedersehen.

Halten wir fest: Die UCI-Kinowelt in Hürth macht Werbung mit einer breiten Produktpalette, um möglichst viele Kunden anzusprechen. Sollten sich diese allerdings für einen Film abseits des Mainstream interessieren, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dieser für einen anderen kurzfristig abgesetzt wurde. Mir ist das insgesamt drei Mal passiert. Spontan ins Kino ist damit nicht und telefonisch reservieren hilft auch nicht, da ja niemand ans Telefon geht. Der Kundenservice des UCI ist also vollkommen für’n Arsch. Es wird aus reiner Profitgier gehandelt, oder um beim Film zu bleiben: die Kinobetreiber aus Hürth sind Ferengi.

Übrigens sind wir nach einem kurzen Telefonat mit meinem Bruder, bei dem ich nachfragte, wo der Film um die Zeit noch läuft, nach Köln gefahren, ins Off Broadway. Ein schönes, barrierefreies Kulturkino mit zwei Sälen, dass ich nur jedem ans Herz legen kann. Gesehen haben wir den Film, der offenbar kein Publikum hat, leider auch dort nicht: er war ausverkauft. Aber das konnten wir verzeihen, wir hätten hier reservieren können.

tl;dr: Wer einen Film wirklich sehen will, sollte nicht nach Hürth ins Kino fahren

Anmerkung: Ursprünglich wollte ich diesen Text als Leserbrief abschicken, hab’s aber nicht getan. Da es mich immer noch aufregt, veröffentliche ich ihn nun hier.

Was Trollkandidaturen kosten

Ums kurz zu machen: Zeit. Die von allen Teilnehmenden auf Aufstellungsversammlungen. Insbesondere aber die der Wahlhelfenden. Da trifft man sich, um eine Liste zu wählen und muss sich erstmal durch Massen von Vorstellungen quälen. Und dabei wach bleiben, weil ja einige doch gut sein könnten. Hoffentlich. Jedem Kandidierenden wurden auf der Aufstellungsversammlung der Piraten für die Europawahl in Bochum 10 Minuten Redezeit gewährt. Viel, vielleicht zu viel für die Nerven des Auditoriums, wenig für das Ego von so manchem auf der Bühne und wohl genug für das Wahlgesetz. Nicht alle haben dieses Zeitlimit ausgenutzt, aber mit Wechsel auf der Bühne und allem Drum und Dran ist es wohl eine vernünftige Annahme, dass sieben Minuten pro Kandidatur für alle Anwesenden auf der Aufstellungsversammlung verstrichen.

Urne-AVEU

Foto: @Mandelbroetchen

62 Kandidierende gab es, befragt wurden davon nur die wenigsten. Denn ob das so war entschied die Aufstellungsversammlung. Und nur bei den wenigsten hielt sie das für notwendig. Warum auch, wenn man sich sicher war, dass man jemanden nicht auf der Liste sehen wollte. Auf diese geschafft haben es dann zwölf Menschen. Das sind 19,4%. Die geschätzte Gesamtzeit für die Vorstellung ohne Befragung beträgt also 434 Minuten. Das korreliert auch ungefähr mit dem Ende der Vorstellungen gegen 18 Uhr samstags.

Es wurden danach 16 Kandidierende befragt, also 25,8% derer, die zur Verfügung standen. Die Anzahl der Fragen sowie die Frage- und Antwortzeit waren auf fünf begrenzt, so dass man auch hier eine ungefähre Schätzung des Zeitbedarfs machen kann. Die Fragezeit war auf 30 Sekunden, die Antwortzeit auf zwei Minuten begrenzt. Beides wurde oft, aber nicht immer ausgenutzt. Man kommt also auf 5 • (0,5 +2) 0 = 12,5 Minuten. Bei 16 Befragten ergibt dies 200 Minuten, laut Protokoll sind es 145 Minuten.

Danach begann die Wahl. Ich mache hier keine Rechnung auf, weil die Dauer der Wahl im Wesentlichen von der Anzahl der Teilnehmenden an der Aufstellungsversammlung abhing. Klar, auch die Anzahl der Kabinen und Urnen oder die Länge des Wahlzettels spielten eine Rolle, aber zumindest von ersteren gab es genug und ich kann nicht abschätzen, wieviel ein kürzerer Wahlzettel für die Wählenden geändert hätte. Insgesamt dauerte ein Wahlgang etwa eine Stunde. Und dann ging’s los.

Während die Mehrheit der Anwesenden zurück in die Halle stolzierte, durfte eine nicht unerhebliche Zahl an Wahlhelfenden zur Tat schreiten, Wahlzettel auspacken und erfassen. Es gab drei Auswahlmöglichkeiten im ersten Wahlgang: Dafür, Enthaltung und Dagegen. Dies bei 62 Kandidierenden und zweimal pro Wahlzettel. Anschließend gab es noch eine Abschlusskontrolle. Hier fällt wieder jede Kandidatur ins Gewicht. Die Zeit, die man für die Übertragung brauchte, war natürlich für jeden Wahlhelfenden unterschiedlich. Aber selbst wenn es nur fünf Sekunden waren, fällt dies bei der Menge der Wählenden – es gab 661 gültige Stimmen – ins Gewicht. Dann ist man schon bei 3415 Minuten, die auf alle Wahlhelfenden verteilt werden musste. Wie viele es davon gab, weiß ich leider nicht genau, weil ich keine verlässliche Zahl gefunden habe, aber bei geschätzten 40 von ihnen kommt man auf 85 Minuten pro Person. Knapp anderthalb Stunden, an denen niemand von ihnen am parallel stattfindenden Bundesparteitag teilnehmen konnte.

Beim zweiten Wahlgang gab es dann noch 12 Kandidierende. Diesmal aber zehn Auswahlmöglichkeiten. Das machte pro Kandidatur etwas mehr Arbeit, nehmen wir also mal zehn Sekunden im Schnitt an. Diesmal gab es 632 gültige Stimmen. Macht 1264 Minuten insgesamt. Wieder bei 40 Wahlhelfenden sind das knapp 32 Minuten pro Person. Das stimmt sowohl mit meiner persönlichen Wahrnehmung überein, dass es beim zweiten Wahlgang sehr viel flotter ging, als auch mit dem deutlich zuverlässigeren Protokoll.

Halten wir fest: jede nicht erfolgreiche Kandidatur hat die Versammlung diesmal durchschnittlich sieben Minuten gekostet. Legt man die Anzahl der gültigen Stimmen aus dem ersten Wahlgang als Größe des Auditoriums zugrunde macht das 4627 Personenminuten oder etwa 77 Personenstunden verstrichene Zeit. Pro Kandidat. Für die Wahlhelfenden waren es dann nochmal etwa 46 Personenstunden insgesamt, betrachtet man die 50 nicht erfolgreichen Kandidaturen. Entscheidender aber sind die 69 Minuten, die sie jeden einzelnen Wahlhelfenden zusätzlich vom Bundesparteitag fernhielten.

Warum aber diese ganzen Rechnungen? Ich unterstelle niemandem den Willen zum Trollen. Auch will ich sicherlich niemanden demotivieren, für ein Amt zu kandidieren, dass man sich zutraut. Es wäre aber wünschenswert, wenn man vorher mit Menschen spricht, ob man einerseits die nötigen Voraussetzungen dafür hat und andererseits realistische Chancen gewählt zu werden. Ich habe in Bochum auch wieder neue Menschen kennengelernt, die es auf die Liste geschafft haben. Diese haben auch mich durch ihre Qualifikation überzeugt. Aber es waren bei Weitem die wenigsten.

Noch kurz anmerken möchte ich, dass ein neues Befragungssystem zur Diskussion stand. Ein für und wieder möchte ich hier nicht diskutieren, aber auch wenn dieses uns eventuell einiges an Zeit bei der Befragung sparen würde, beim Wahlgang an sich ändert es nichts.

Die hier verwendeten Zahlen kann man übrigens alle unter https://wiki.piratenpartei.de/Bundesparteitag_2014.1 und entsprechenden Unterseiten (Protokoll, Ergebnisse) finden.

tl;dr: Kandidaturen kosten Zeit, daher sollte man sie sich zweimal überlegen.

Austeritätspolitik

Der Bundesparteitag 2013.2 in Bremen ist vorbei und was haben wir mitgenommen? Ich für meinen Teil habe neben einem neuen Vorstand, tollen Gesprächen und daraus resultierendem Schlafmangel vor allem ein Wort mitgenommen: Austeritätspolitik. Und was für ein Wort das ist.
Bei der Befragung der Kandidierenden für den Vorsitz wurde dem nun amtierenden Vorsitzenden Thorsten Wirth eben jenes Wort um die Ohren gehauen. Man wollte wissen, wie denn seine Haltung dazu sei. Darauf wusste er jedoch keine Antwort – weil er das Wort nicht kannte! Die allgemeine Reaktion war aber zum Glück kein Entsetzen, sondern Gelächter. Einerseits weil er es charmant rüberbrachte und andererseits, weil wohl viele nichts damit anfangen konnten. Ich zähle auch dazu, und hab mich erst gefragt, warum ich denn so eine Wissenslücke habe. Ein Blick in Wikipedia verriet mir aber: hab ich nicht. Ich kannte den Sachverhalt, nur das Wort nicht.
Als der Bundesparteitag dann gegessen war und wir einen neuen Vorstand hatten wollte mir dieses Wort jedoch nicht aus dem Kopf gehen. Offenbar war das Thema vielen Piraten wichtig, das ist verständlich. Es zeigt aber auch wunderbar ein massives Problem der Partei auf: wir sprechen nicht die Sprache der Menschen. Und offenbar sprechen wir nicht mal unsere eigene Sprache, wie dieses Beispiel zeigt. Wir versuchen zwanghaft uns wissenschaftlich korrekt auszudrücken und verfehlen damit das Ziel.
Wir sind eine Oppositionspartei. Außerparlamentarisch, versteht sich. Da lassen sich nicht einfach Gesetze machen oder unverständliche Koalitionsverträge. Wir müssen unsere Ideen erstmal verkaufen, Leute davon überzeugen. Und dafür müssen sie verständlich formuliert sein. Sowas fällt auch ohne leichte Sprache unter Barrierefreiheit.

Welche Haltung unterstellt man jemandem, der „Austeritätspolitik“ sagt? Meiner Meinung nach am ehesten Besserwisserei. Das von der noch amtierenden Bundesregierung benutze Wort „Schuldenbremse“ lässt allerdings eine ganz klare Haltung erkennen: die sind dafür. Wer will denn schon weiter Schulden machen, das klingt unverantwortlich. Und weil kein anderes (handhabbares) Wort da ist, benutzen die Medien auch fleissig die Schuldenbremse. Dabei klingt auch das komisch, wenn man es sich mal auf der Zunge zergehen lässt. Wir haben es in der Hand, hier ein schlagkräftiges Wort zu finden. Das ganze nennt man Framing und das sollten wir immer einsetzen, wenn uns eine Sache am Herzen liegt! Beim „Nacktscanner“ haben wir es geschafft, bei der „Bestandsdatenauskunft“ kläglich versagt.

Wie wir das machen müssen wir uns überlegen. Eine Aufgabe, die ich beim neuen politischen Geschäftsführer Björn Semrau in Zusammenarbeit mit uns allen sehe. Aber dass das so ist, müssen wir uns erstmal bewusst machen. Sonst bleiben wir Besserwisser ohne erkennbare Haltung.

tl;dr: Worte sind Waffen, Klugscheißer kann keiner leiden.